Biografie

1896

Carl Zuckmayer wird am 27. Dezember als zweiter Sohn des Weinflaschenkapselfabrikanten Carl Zuckmayer sen. und dessen Frau Amelie Friederike Auguste Zuckmayer, geb. Goldschmidt, im rheinhessischen Nackenheim geboren.

 

1900

Die Familie zieht vom dörflichen Nackenheim in die nahegelegene Stadt Mainz um, wo Carl und sein sechs Jahre älterer Bruder Eduard, der später als Pianist, Komponist und Musikwissenschaftler reüssieren wird, eine glückliche Kindheit verleben.

 

1903–1914

Zuckmayer besucht das Humanistische Gymnasium (das heutige Rabanus Maurus Gymnasium) in Mainz, aus Neugier auf die Literatur der Moderne liest er sich heimlich durch die gut sortierte Bibliothek der Eltern.

 

1909–1912

Erste schriftstellerische Fingerübungen entstehen, darunter das Naturgedicht Frühling und die Prosaskizze Herbst.

 

1911–1913

Zuckmayer lernt durch eine Mainzer Buchhandlung Bücher des Verlags Kurt Wolff kennen – unter ihnen Titel von Klabund, Georg Heym, Ernst Stadler, Franz Werfel und Walter Hasenclever sowie die Zeitschrift Der jüngste Tag - und macht so erste Bekanntschaft mit der expressionistischen Literatur.

 

1914–1916

Bei Kriegsausbruch schließt Zuckmayer seine Schulausbildung mit dem Notabitur ab und meldet sich, angesteckt von der allgemeinen Kriegsbegeisterung, als Kriegsfreiwilliger. Noch im August 1914 erscheint seine erste Veröffentlichung im Mainzer Neuesten Anzeiger, ein Gedicht mit dem Titel Das Große. Dem anfänglichen Enthusiasmus folgen angesichts der Kriegsgreuel bald Zweifel, die in einer pazifistischen Neuausrichtung münden. Als Leutnant an der Westfront nimmt er an den Materialschlachten an der Somme 1916 und in Flandern 1917 teil und fällt den Kameraden in den Pausen zwischen den Kampfhandlungen »durch unmäßiges Lesen, Verschlingen, Durchackern von Büchern aller Art« auf. Seine elementaren Kriegserfahrungen von Zerstörung, Leid und Tod schlagen sich u. a. im Ostern 1916 entstandenen Gedichtzyklus Passion nieder.

 

1917

Seit Dezember schreibt Zuckmayer für die von Franz Pfemfert herausgegebene expressionistisch-sozialistische Zeitschrift Die Aktion.

 

1918–1920

Ausgezeichnet mit mehreren Tapferkeitsmedaillen wird Zuckmayer im Herbst 1918 vom Militär entlassen. Das in Frankfurt am Main begonnene Jurastudium (und die Mitgliedschaft im dortigen Revolutionären Studentenrat) gibt er rasch wieder auf. Von 1919 an studiert er in Heidelberg ohne feste Systematik Literatur- und Kunstgeschichte, später auch Philosophie, Soziologie und Biologie. Außerdem arbeitet er nach Aufforderung seines Heidelberger Kommilitonen und späteren SPD-Reichtstagsabgeordneten Carlo Mierendorff, dem einige seiner literarischen Arbeiten in der Aktion aufgefallen sind, an dessen Zeitschrift Das Tribunal mit. Im Kreis um Mierendorff findet Zuckmayer rasch gleichgesinnte, z. T. lebenslange Freunde: Theodor Haubach z. B., der nach dem Studium die journalistische Laufbahn einschlägt oder den späteren Verleger Henry Goverts, Wolfgang Petzet, der in München Dramaturg wird, sowie die Schriftsteller Max Krell, Hans Schiebelhuth und Fritz Usinger. Im Januar 1920 heiratet Zuckmayer Annemarie Ganz, seine Jugendliebe aus Mainzer Tagen, verbringt mit ihr einen Sommer in Heidelberg und versucht sich, statt zu studieren, an der Dramatisierung antiker bzw. historischer Stoffe (u. a. entsteht das dramatische Gedicht Prometheus und ein nie beendetes Drama mit dem Titel Gérard le Diable). Die Ehe wird 1921 geschieden.

 

1920–1921

Die über Mainzer Freunde vermittelte Annahme seines ersten Dramas Kreuzweg , eine in einer imaginären Bauernkriegszeit spielende, mit viel expressionistischem Pathos tragisch verlaufende Liebesgeschichte, veranlaßt Zuckmayer, im November 1920 nach Berlin zu übersiedeln. Bei den Theaterproben begegnet er der Schauspielerin Annemarie (Mirl) Seidel, der Geliebten bis 1922. Das am 20. Dezember 1920 am Staatlichen Schauspielhaus unter der Regie von Ludwig Berger uraufgeführte Stück, an dem auch der Autor zunehmend zweifelt, wird nach nur drei Tagen abgesetzt. Zuckmayer muß sich als freier Schriftsteller und Regieassistent mit literarischen Gelegenheitsarbeiten (Feuilletons, Rezensionen und Gedichten) durchschlagen. Er arbeitet zudem an einem Fragment gebliebenen Stück mit dem Titel Die Wiedertäufer.

 

1922

Im Sommer verbringt Carl Zuckmayer mehrere Monate in Norwegen. Auf Vermittlung des Mainzer Regisseurs Kurt Elwenspoek, der zum Intendanten des Vereinigten Städtischen Theaters in Kiel berufen worden ist, wird Zuckmayer im September als Dramaturg engagiert. Dort lernt er den Regisseur Albrecht Joseph kennen, der bis 1938 sein wichtigster literarischer Berater ist. Zuckmayer hält eine Festrede zum 60. Geburtstag des von ihm als Leitbild verehrten Dichters Gerhart Hauptmann.

 

1923

Zuckmayer inszeniert ein Theaterstück des römischen Komödiendichters Terenz mit dem Titel Der Eunuch und provoziert mit seiner gewagten Interpretation des antiken Stoffes einen Theaterskandal, der seine fristlose Entlassung zur Folge hat. Kurz danach wird er als Dramaturg am Münchner Schauspielhaus verpflichtet und freundet sich mit Bertolt Brecht an.

 

1924–1925

Unter dem Einfluß der Romane von Karl May und James Fenimore Cooper schreibt der zeitlebens indianerbegeisterte (und unter Freunden den lockeren Indianerjargon pflegende) Zuckmayer die Geschichten vom Vierwochenbüffel und arbeitet an einem (unvollendet gebliebenen) Roman über die Lebensgeschichte des Indianerhäuptlings Sitting Bull. Zusammen mit Brecht wird Zuckmayer am Deutschen Theater in Berlin engagiert. Sein zweites, unter Brechts Einfluß entstandenes Stück »aus dem fernen Westen« Pankraz erwacht oder Die Hinterwäldler (1925) unter der Leitung des (ihm seither nahestehenden) Regisseurs Heinz Hilpert, wird ein erneuter Misserfolg beim Publikum und auch von der Kritik zwiespältig aufgenommen. Im selben Jahr heiratet Zuckmayer die in Berlin lebende, aus Wien gebürtige Schauspielerin Alice Frank (geb.von Herdan), die ihre Tochter Michaela mit in die Ehe bringt. Mit der am 22. Dezember 1925 am Theater am Schiffbauerdamm inszenierten rheinhessischen Komödie Der fröhliche Weinberg, einem in Milieu- wie Figurenzeichnung treffsicher formulierten Volksstück, für das Zuckmayer noch vor der gefeierten Uraufführung den renommierten Kleist-Preis erhält, gelingt ihm durch die Vermittlung des mit ihm befreundeten Regisseurs Ludwig Berger der literarische Durchbruch. Der Weinberg erlebt in der Folgezeit eine beispiellose Aufführungsserie und wird rasch zum erfolgreichsten deutschen Theaterstück der 1920er Jahre (verfilmt 1927 und 1952), anfänglich allerdings begleitet durch Protestaktionen verschiedenster sich karikiert fühlender gesellschaftlicher Gruppen, u. a. von nationalsozialistischen Störaktionen wegen der schonungslosen Darstellung des Korpsstudenten Knuzius.

 

1926

Von den Tantiemen des Fröhlichen Weinbergs erwirbt Zuckmayer (neben der Berliner Wohnung) das Haus 'Wiesmühl' in Henndorf bei Salzburg, wo in den folgenden Jahren fast alle seine literarischen Arbeiten entstehen. Im selben Jahr wird seine Tochter Maria Winnetou geboren. Außerdem erscheint seine erste Lyriksammlung Der Baum wiederum bei dem zum mächtigen Berliner Ullstein-Konzern gehörenden Propyläen-Verlag, bei dem er unter Generalvertrag steht. Zuckmayer als gefragter Nachwuchsschriftsteller arbeitet damals regelmäßig für Rundfunk und Film und liefert auch (gut honorierte) Beiträge für renommierte Zeitungen und für ein breites Spektrum von Zeitschriften. Er avanciert schließlich zu einem der bestverdienenden deutschen Autoren der Weimarer Republik.

 

1927–1928

Mit seinem Schauspiel um den edlen Räuber Schinderhannes (1927, verfilmt 1928) und dem Seiltänzerstück Katharina Knie (1928, verfilmt 1929) feiert er weitere Theatererfolge. Zugleich mit der Theaterarbeit entwickelt Zuckmayer seine Möglichkeiten als Prosaautor. Sein erster Erzählband Ein Bauer aus dem Taunus und andere Geschichten erscheint 1927 bei Propyläen, mit Eindrücken und Nachklängen durchlebter Kriegszeiten und eindringlich erfahrener Natur.

 

1929

Zuckmayer erhält den Georg Büchner-Preis und, zusammen mit René Schickele und Max Mell, auch den Dramatikerpreis der Heidelberger Festspiele.

 

1930

Zusammen mit Karl Vollmoeller schreibt er das Drehbuch zum Film Der blaue Engel nach dem Roman Professor Unrat von Heinrich Mann mit Marlene Dietrich und Emil Jannings in den Hauptrollen (Regie Joseph von Sternberg). Im Januar desselben Jahr ist sein launiges Kinderstück Kakadu-Kakada am Deutschen Künstlertheater in Berlin uraufgeführt worden, doch bleibt es trotz ermutigender Aufnahme Zuckmayers einziger Versuch, auch für Kinder zu schreiben.

 

1931

Im März findet die Uraufführung seines auf eine historische Berliner Begebenheit aus dem Jahre 1906 beruhenden Dramas Der Hauptmann von Köpenick statt. Das »deutsche Märchen«, hinter dem sich eine sozialkritische Satire auf den preußischen Militarismus und Bürokratismus verbirgt, avanciert zu seinem zweiten großen Bühnenerfolg. Im Völkischen Beobachter allerdings wird es bereits als »Rinnsteinliteratur eines Halbjuden« diffamiert. Im selben Jahr kommt seine Weihnachtsgeschichte und die mit Hilpert konzipierte Bearbeitung von Hemingways Roman A farewell to arms unter dem Titel Kat als Bühnenstück heraus. Außerdem wird auf Zuckmayers Vorschlag hin der Kleist-Preis an seinen Freund Ödön von Horváth und an Erik Reger vergeben, was die politisch rechtsgerichtete Presse mit Empörung kommentiert.

 

1932

Die ebenso humorvoll wie tiefgründig formulierte und mit autobiographischen Zügen versehene Novelle Die Affenhochzeit erscheint. Zuckmayer hält die Festrede zum 70. Geburtstag von Gerhart Hauptmann. Außerdem arbeitet er an seinem (Fragment gebliebenen) Roman Das Götterdorf, einer erneuten Huldigung seiner Heimat, verbunden mit einem herzlichen Porträt seiner Eltern. Unterdessen spitzt sich die politische Situation zu, der Schriftsteller beginnt sich aktiv für den Erhalt der Republik einzusetzen, nachdem er kurzzeitig vom politischen »Aufbruch« begeistert gewesen ist.

 

1933–1934

Nach der »Machtergreifung« drohen den Stücken des »halbjüdischen Asphaltliteraten« binnen kurzem Aufführungsverbot, nicht zuletzt aufgrund von Carl Zuckmayers ablehnender Haltung gegenüber dem NS-Regime. Seine ehemals glänzende finanzielle Situation ändert sich bei rapide sinkenden Honoraren schlagartig. Nach dem Reichstagsbrand übersiedelt die Familie gänzlich in die Wiesmühl bei Salzburg und in ihre Wohnung nach Wien, ihr österreichisches 'Exil' beginnt. Zuckmayers Schauspiel Der Schelm von Bergen nach einer niederdeutschen Legende wird im November 1934 nicht mehr in Berlin, sondern in Wien uraufgeführt. Der verfemte Autor wechselt im August 1934 auf eigenen Wunsch, aber politisch bedingt vom (schon Anfang der 1930er Jahre nach rechts gerückten und später arisierten) Ullsteinkonzern zum traditionsreichen S. Fischer Verlag, mit dem er seit spätestens 1931 wegen der Herausgabe einer (nicht realisierten) Jugendbuchreihe im Gespräch ist. Zuckmayer hat aus dem drohenden Verbot seiner Theaterstücke die Konsequenz gezogen, sich mehr auf Prosaarbeiten zu konzentrieren, bei denen er im deutschsprachigen Raum auf Publikum hofft. So erscheint im September 1934 bei S. Fischer seine historische Erzählung Eine Liebesgeschichte mit den von Ullstein übernommenen Rohbogen, aber eigenem Impressum als erstes Buch des neuen Fischer-Autors. Zudem entstehen zur finanziellen Absicherung mehrere Drehbücher für den Londoner Regisseur Alexander Korda (u. a. Rembrandt (1936)). Um weiterhin in Deutschland publizieren zu dürfen, muss der Schriftsteller im Juli 1933 einen Antrag auf Mitgliedschaft im Reichsverband der Deutschen Schriftsteller stellen, doch erst sein zweiter Antrag vom Januar 1934 führt aufgrund der Fürsprache prominenter Freunde zum Erfolg. Im Juli 1935 allerdings streicht man ihn wieder aus der Mitgliederliste, da für die im Ausland lebenden Autoren eine Mitgliedschaft nicht vorgesehen ist.

 

1935–1936

Sein einziger zu Lebzeiten abgeschlossener und veröffentlichter, mit mythisch-symbolistischen Elementen durchsetzter Roman Salwàre oder Die Magdalena von Bozen wird in Deutschland im Dezember 1935 kurz vor der Auslieferung verboten. S. Fischers Schwiegersohn Gottfried Bermann Fischer, der 1934 die Verlagsgeschäfte übernommen hat, empfiehlt, das Buch nicht mehr in Deutschland, sondern gleich in der damals noch geplanten Schweizer Verlagsniederlassung erscheinen zu lassen. Zuckmayer jedoch denkt – wie Thomas Mann – keineswegs an einen freiwilligen Rückzug, sondern riskiert lieber ein Publikationsverbot, das prompt ausgesprochen wird. Unter Verwendung der in Leipzig beschlagnahmten, aber wieder freigegebenen Rohbogen und des geretteten Stehsatzes erscheint der Roman statt dessen im Herbst 1936 in dem von Bermann Fischer gegründeten Wiener Sezessionsverlag, in den unter Billigung der Reichsschrifttumskammer die Rechte und Bestände der im Deutschen Reich »unerwünschten« S. Fischer-Autoren (darunter Annette Kolb, Thomas Mann und Arthur Schnitzler) transferiert worden sind. Der ‚unverfängliche‘ Teil des Verlagsprogramms bleibt unter kommissarischer Leitung von Peter Suhrkamp in Berlin zurück. Zunächst darf Bermanns Wiener Exilproduktion größtenteils noch im Reich verkauft werden, Zuckmayers Gesamtwerk allerdings gilt »um dessen literarischen Vergangenheit willen im Reich durchaus unerwünscht«. Carl Zuckmayer stellt einen Antrag auf Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft, der "Anschluß" jedoch wird seine bevorstehende Naturalisierung verhindern.

 

1937

Der geächtete Autor, der aufgrund des drohenden Aufführungsverbots seiner Stücke im Deutschen Reich und besonders nach dem Wechsel zu einem Exilverlag mit sinkenden Einkünften durch Buchverkäufe zu kämpfen hat, entschließt sich, zur Existenzsicherung verstärkt Drehbücher für die Filmindustrie zu schreiben. Zwei gescheiterte Filmprojekte (Ein Sommer in Österreich (1937) und Herr über Leben und Tod (1938)) vermarktet er als Erzählungen bei Bermann Fischer. Gegenüber seinem Verleger klagt er über die als zeitraubend und quälend empfundene »Drehbuchschreiberei« und fordert eine bessere finanzielle Absicherung, um sich seinen eigentlichen literarischen Projekten widmen zu können, doch Bermann Fischers Mittel sind zeitbedingt begrenzt.

 

1938

Nach der Besetzung Österreichs durch deutsche Truppen im März ist Carl Zuckmayer gezwungen, unter Zurücklassung seines gesamten Vermögens und Grundbesitzes, auf abenteuerliche Weise – aus Sicherheitsgründen getrennt von der Familie - in die Schweiz zu fliehen. Die durch den Einmarsch in Österreich kurz vor der Uraufführung in Wien vereitelte Inszenierung des Dramas Bellman (über den schwedischen Lyriker, Sänger und Vaganten) wird in Zürich nachgeholt, der Roman Herr über Leben und Tod wird vom nach Schweden geflohenen Bermann-Fischer Verlag herausgegeben. Im Stockholmer Exilverlag erscheint auch die autobiographische Schrift Pro Domo (1938), in der zwar scharfe Kritik am nationalsozialistischen Staat anklingt, die zugleich aber als Bekenntnis zu Deutschland formuliert ist. Bald kursieren vervielfältigte Abschriften in deutschen Widerstandskreisen, auch die Exilanten werden auf die Schrift aufmerksam. Am 31. Dezember 1938 erscheinen Carl Zuckmayers »zersetzende« Veröffentlichungen im Deutschen Reich auf der »Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums«, was einem Gesamtverbot gleichkommt.

 

1939

Im Mai wird Carl Zuckmayer die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Trotz der restriktiven Einwanderungspolitik der Schweiz hätten die Zuckmayers, die sich in Chardonne am Genfer See niedergelassen haben, eventuell zwar in der Schweiz bleiben können, doch organisieren sie im Juni mit Hilfe von amerikanischen Freunden (v. a. Dorothy Thompson) ihre Emigration in die USA, zunächst mit einem Besuchervisum. Eine kurze Reise der gesamten Familie nach Kuba dient der Beschaffung eines – unter Umgehung der ausgeschöpften Einwanderungsquote – non-quota Einreisevisums für die USA. Carl Zuckmayer schlägt sich, wie viele seiner emigrierten Schriftstellerkollegen, in Hollywood einige Zeit als Drehbuchautor bei Warner Brothers durch.

 

1940

Der Exilschriftsteller nimmt eine mehrmonatige, ihn aber nicht ausfüllende Lehrtätigkeit an Erwin Piscators 'Dramatic Workshop' an der New Yorker School for Social Research auf, zu Sicherung seines Lebensunterhalts schreibt er außerdem mehrere short stories für amerikanische Magazine.

 

1941

Die Übersetzung seines zweiten autobiographischen Beitrags Abschied und Wiederkehr unter dem Titel Second Wind erscheint beim Londoner Verlag Harrap, letztlich jedoch scheitern alle Versuche Zuckmayers, sich in Amerika als Schriftsteller niederzulassen. Einige Projekte legt er beiseite, es mehren sich Geldsorgen und Zweifel an der Möglichkeit, in den USA literarisch Fuß zu fassen. Im Sommer 1941 bleibt als letzter Ausweg die Übersiedlung aufs Land und die Pacht der ‚Backwoods‘ Farm nahe Barnard (Vermont) als »einzige Möglichkeit, unser Dasein durch freie, selbstgewählte Arbeit zu fristen«. Die Farm kommt, mit mühsamer, arbeitsintensiver Hühner-, Enten- und Ziegenzucht, schließlich in Gang und vermag die Familie zu ernähren. Das »farminig for victory« verlangt Zuckmayer harte körperliche Arbeit ab, so dass ihm nur wenig Zeit für literarische Arbeiten bleibt. Ganz jedoch gibt er das Schreiben nicht auf, sondern feilt u. a. an einem (Fragment gebliebenen) Roman über Lenchen Demuth, der langjährigen Haushälterin von Karl Marx. Während der Exiljahre ist die abgeschieden in den grünen Bergen gelegene Farm für seine amerikanischen wie emigrierten Freunde ein Refugium für fröhliche, manchmal gar wieder weinselige Zusammenkünfte, eine Reminiszenz an den früheren Henndorfer Kreis.

 

1942

Carl Zuckmayer formuliert den erstmals 2002 komplett editierten Geheimreport für das »Office of Strategic Services«, ein Dossier von über 150 sehr genau differenzierenden Charakterskizzen von Schriftstellern, Schauspielern, Regisseuren, Journalisten und Verlegern im nationalsozialistischen Deutschland, auch in Hinblick auf eine mögliche spätere Wiederverwendung im deutschen Kulturleben. Der Selbstmord des befreundeten Schriftstellers Stefan Zweig im brasilianischen Exil im Februar 1942, der von Salzburg aus häufig in Henndorf zu Gast gewesen ist, veranlasst Zuckmayer, für die deutschsprachige Exilzeitung Aufbau ein Flugblatt mit dem Titel Aufruf zum Leben zu veröffentlichen, während er sich sonst bei Veranstaltungen und Aktionen der deutschsprachigen Emigration weitgehend abseits hält, um nicht in das Gezänk der verschiedenen Lager verstrickt zu werden. In jene dunklen Jahre fällt auch die erste Niederschrift von Des Teufels General, mit der sich Zuckmayer langsam wieder in das literarische Leben eingliedert. Ausgangspunkt war eine kurze Zeitungsnotiz über den Absturz des Berliner Freundes Ernst Udet, eines berühmten deutschen Fliegergenerals. Die daran angelehnte Hauptperson des Stückes, General Harras, ist ein leidenschaftlicher Flieger und verfällt aufgrund seiner Flugbegeisterung den Nationalsozialisten, obwohl er die Partei eigentlich ablehnt. Das 1945 abgeschlossene Stück dramatisiert den Widerstand gegen die Nazis im Zweiten Weltkrieg, das Dilemma zwischen der Treue zu Deutschland und der Aufforderung des Gewissens, das Udet 1941 nur durch seinen Freitod zu lösen vermochte.

 

1943

Zuckmayer hält eine Gedächtnisrede auf den verstorbenen Freund Carlo Mierendorff in New York und veröffentlicht einen Offenen Brief an Erika Mann; als Reaktion auf ihren Artikel Eine Ablehnung im Aufbau, in dem sie pauschal das »andere«, nicht-nationalsozialistische Deutschland in Abrede stellt. Er beginnt an dem zu Lebzeiten unveröffentlichten, erst 1996 posthum erschienenen Vermonter Roman zu arbeiten.

 

1945

Im Winter 1944/45, als sich das Kriegsende abzeichnet, zieht Zuckmayer in ein kleines Farmhaus in Woodstock und konzentriert sich wieder ausschließlich auf seine literarischen Projekte, mit denen er so rasch wie möglich nach Deutschland zurückkehren will. Die heiter-gemütvolle Erzählung Der Seelenbräu, in der das verlorene Henndorfer Paradies heraufbeschworen wird, erscheint 1945 bei Bermann-Fischer in Stockholm.

 

1946

Im Januar wird der Familie Zuckmayer die amerikanische Staatbürgerschaft verliehen; im Herbst beginnt Carl Zuckmayers fünfmonatiger Einsatz als ziviler Kulturbeauftragter des amerikanischen Kriegsministeriums in Berlin. Der Schriftsteller gibt, erschüttert von der von Nationalsozialismus und Krieg zerstörten Heimat, einen 1947 abgeschlossenen Gesamtbericht über die Situation des kulturellen Lebens im Nachkriegsdeutschland und -Österreich sowie dessen Auf- und Ausbaumöglichkeiten, den (2004 erschienenen) Deutschlandbericht. Im Dezember wird Des Teufels General am Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt.

 

1947

Zum Jahresanfang hält sich Zuckmayer kurz in Henndorf auf, in Salzburg wird der Film Nach dem Sturm nach seinem Drehbuch produziert. Zuckmayer sagt im Entnazifizierungsverfahren gegen Werner Krauß aus. Der erste Band der insgesamt vierbändigen Gesamtausgabe Gesammelter Werke erscheint bei Bermann-Fischer in Stockholm. Im November findet die deutsche Erstaufführung von Des Teufels General in Hamburg statt, weitere Aufführungen im gesamten deutschsprachigen Raum folgen. Auch seine Stücke aus der Weimarer Republik finden sich wieder auf den Spielplänen. Zuckmayer arbeitet zudem als Rundfunksprecher beim Sender ‚Voice of America’ und wirbt bei der deutschen Bevölkerung um Verständnis für die amerikanische Besatzungsmacht. Das Ehepaar Zuckmayer lebt von nun an abwechselnd in Europa und den USA.

 

1948

Der Essay Die Brüder Grimm. Ein deutscher Beitrag zur Humanität erscheint; dem Schriftsteller wird die Gutenberg-Plakette der Stadt Mainz verliehen und er diskutiert mit deutschen Jugendlichen und ehemaligen Soldaten über sein Stück Des Teufels General. Ende des Jahres erleidet Zuckmayer nach einer Diskussionsreise einen Herzinfarkt. Während der mehrmonatigen Genesungszeit entsteht das Stück Der Gesang im Feuerofen.

 

1949

Das im Milieu der deutschen Frankreichbesetzung und der Résistence spielende Drama Barbara Blomberg wird unter der Regie von Heinz Hilpert in Konstanz uraufgeführt; Zuckmayer wird Korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Alice Herdan-Zuckmayer publiziert ihre viel gelesenen Erinnerungen Die Farm in den grünen Bergen.

 

1950

Der Gesang im Feuerofen, ein Theaterstück über Widerstand und Kollaboration in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs, wird im November am Deutschen Theater in Göttingen uraufgeführt. Statt der angestrebten Fusion der beiden Verlage, des Stockholmer Exilverlages Bermann-Fischer und dem in Berlin gebliebenen Suhrkamp Verlages (vormals S. Fischer) kommt es 1950 nach erbittert geführter Kontroverse um die zukünftige Verlagsführung zur Trennung und Gründung von zwei eigenständigen literarischen Verlagshäusern. Zuckmayer entschließt sich schweren Herzens, da er auch mit dem Verleger Peter Suhrkamp (Mirls Ehemann seit 1935) befreundet ist, in Anbetracht der gemeinsamen Exilerfahrungen für die Fortführung seiner Verlagsbeziehung mit Gottfried Bermann Fischer. Mit dem Erscheinen seiner Gesammelten Werke (Bd. 1: Die Deutschen Dramen, Bd. 2: Gedichte , Bd. 3 Komödie und Volksstück) fädelt er sich nach langen Exiljahren langsam wieder in den deutschen Buchmarkt ein.

 

1951–1958

Zwar bleibt Amerika weiterhin Wohnort der Zuckmayers, doch verbringen sie viel Zeit in Europa. Der Schriftsteller arbeitet intensiv an der Inszenierung seiner Theaterstücke im deutschsprachigen Raum und führt in der ersten Nachkriegszeit ein anstrengendes »Doppelleben«, jedes Jahr unterbrochen durch einen mehrmonatigen Rückzug in das 1952 erworbene Haus in Woodstock, wo er in Ruhe schreiben kann.

 

1952

Zuckmayer erhält den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main für sein Gesamtwerk und wird zum Ehrenbürger seines Geburtsortes Nackenheim ernannt. Auf Wunsch der Familie des 1946 verstorbenen Gerhart Hauptmanns vollendet er dessen nachgelassenes Stück Herbert Engelmann, das am Wiener Burgtheater unter der Regie von Berthold Viertel uraufgeführt wird.

 

1953

Die überarbeitete Version des Bellman-Dramas wird unter dem Titel Ulla Winblad oder Musik und Leben des Carl Michael Bellman in Göttingen uraufgeführt. Dem Schriftsteller wird die Silberne Plakette der Stadt Göttingen für Kunst und Wissenschaft verliehen.

 

1954

Das Drama Des Teufels General wird unter der Regie von Helmut Käutner (mit Curd Jürgens, Victor de Kowa und Marianne Koch in den Hauptrollen) verfilmt und ist der Auftakt zu weiteren gemeinsamen Filmen unter Käutners Regie, u. a. dem Hauptmann von Köpenick (1956).

 

1955

Zuckmayer wird das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern verliehen. Das auf einen Verräterfall des Atomwissenschaftlers Klaus Fuchs beruhende Schauspiel Das kalte Licht, das die damals viel diskutierte Rolle der Intellektuellen im Atomkriegszeitalter thematisiert, wird im Hamburger Schauspielhaus unter der Regie von Gustaf Gründgens uraufgeführt und findet geteilte Aufnahme. Die Erzählung Engele von Löwen erscheint bei Fischer in Frankfurt.

 

1956

Carl Zuckmayer wird die Ehrendoktorwürde des Dartmouth College in Hanover (New Hampshire, USA) verliehen.

 

1957

Auch 1957 ist ein Jahr vielfältiger Auszeichnungen: Zuckmayer erhält den Ehrendoktor der Universität Bonn; den Preis für Literatur und Kunst des Landes Rheinland-Pfalz sowie den Staatlicher Filmpreis für das Drehbuch zum Film Der Hauptmann von Köpenick.

 

1958

Alle Versuche des Autors, sich nach dem Zweiten Weltkrieg in seiner amerikanischen Wahlheimat als Schriftsteller zu etablieren, sind erfolglos geblieben. In der Bundesrepublik dagegen wird er, wie schon in der Weimarer Republik, zu einem Repräsentanten der deutschen Literatur, einem gefeierten Nachkriegsschriftsteller und zunehmend auch zu einer anerkannten moralischen Autorität. Carl und Alice Zuckmayer verlassen endgültig die Vereinigten Staaten und übersiedeln im Juli 1958 nach Saas-Fee (Kanton Wallis, Schweiz) in das Haus Vogelweid. Zwar hat es nach 1945 auch Überlegungen gegeben, sich wieder nahe der alten Heimat, im Taunus, Odenwald oder dem Hunsrück, niederzulassen, doch kränkt es Zuckmayer, wie viele seiner emigrierten Schriftstellerkollegen, dass nicht automatisch alle von Hitler durchgeführten Ausbürgerungen rückgängig gemacht worden sind, sondern dass eine Eingabe gemacht werden muß, um wieder (west-)deutscher Staatsbürger zu werden. Dazu kann er sich nicht entschließen, so dass das Ehepaar nach Rückgabe ihrer amerikanischen Staatsbürgerschaft zunächst die österreichische beantragt, die ihnen noch im selben Jahr zuerkannt wird.

 

1959

Die klug gebaute, vom turbulenten Mainzer Karnevalstreiben am Anfang des 20. Jahrhunderts bestimmte Novelle Die Fastnachtsbeichte erscheint (verfilmt 1960 und nochmals 1976). Zuckmayer hält seine Festrede Ein Weg zu Schiller zu Schillers 200. Geburtstag in Marbach/Neckar.

 

1960

Zuckmayer erhält den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur. Eine zum zweiten Mal bei bei S. Fischer besorgte Auswahledition Gesammelter Werke in vier Bänden erscheint, in der das erzählerische Werk breiteren Raum als in früheren Editionen einnimmt.

 

1961

Das verschiedene ineinander verflochtene Kriegsereignisse reflektierende Drama Die Uhr schlägt eins wird im Oktober am Wiener Burgtheater uraufgeführt. Der Kranichtanz, eine komplexe und zugleich dichte Darstellung mehrerer unglücklich verlaufender Lebensgeschichten, entsteht. Zuckmayer wird ‚Ehrenburger‘ von Saas-Fee.  

 

1962

Als Auftragsarbeit der Stadt Mainz zur bevorstehenden 2000-Jahrfeier entsteht in Zusammenarbeit mit dem befreundeten Komponisten Paul Hindemith der für Singstimmen, Chor und Orchester konzipierte Mainzer Umzug, der einen humorvollen Überblick über die Stadtgeschichte von den Römern bis zur Gegenwart gibt. Carl Zuckmayer wird Ehrenbürger von Mainz.

 

1964

Zuckmayers Theaterstück Das Leben des Horace A. W. Tabor, das auf der realen Biographie des amerikanischen „Silberkönigs“ basiert, der ein auf Ausbeutung beruhendes Industrieimperium aufbaut und darüber seine einstige Armut vergißt, bis er nach einem Börsenkrach sein gesamtes Vermögen verliert und verarmt stirbt, wird in Zürich uraufgeführt, doch zur erhofften Inszenierung in den USA kommt es nicht. Der Schriftsteller beginnt die Arbeit an seinen Lebenserinnerungen.

 

1966

Alice und Carl Zuckmayer werden die beantragte Schweizer Staatsbürgerschaft zuerkannt. Zuckmayers Autobiographie Als wär’s ein Stück von mir. Horen der Freundschaft erscheint und entwickelt sich mit über 1 Million verkauften Exemplaren zu einem großen Bucherfolg. Der Autor wird Ehrenmitglied auf Lebenszeit des Staatlichen Schillertheaters Berlin.

 

1967

Zuckmayer wird zum Ehrenbürger auf Lebenszeit der Universität Heidelberg und in den Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Kunst gewählt. Außerdem wird sein Einakter Kranichtanz in Zürich uraufgeführt.

 

1968

Der Schriftsteller erhält das Große Österreichische Verdienstkreuz am Band für Kunst und Wissenschaft sowie das Österreichisches Ehrenabzeichen für Kunst und Wissenschaft.

 

1969

Zuckmayer wird Ehrenmitglied des Verbands deutscher Bühnenschriftsteller.

 

1972

Zuckmayer erhält den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf. In Nackenheim wird die Carl Zuckmayer-Gesellschaft e. V. gegründet. Die 1975-1997 publizierten Zuckmayer-Blätter werden ab 1998 durch das umfangreichere Zuckmayer-Jahrbuch ersetzt, das zur Dokumentation bislang unveröffentlichter Quellen und als Forum für wissenschaftliche Studien zu seinem Leben und Werk dient.

 

1974

Der Literaturpreis der Stadt und Ehrenring des Landes Salzburg wird an Carl Zuckmayer verliehen.

 

1975–1976

Zuckmayers letztes Schauspiel Der Rattenfänger, eine Bearbeitung des mittelalterlichen Sagenstoffes aus Hameln,wird 1975 in Zürich uraufgeführt. In seinen letzten Lebensjahren arbeitet er auch an einer (unvollendeten) Märchenkomödie mit dem Titel Jugend ohne Alter, Leben ohne Tod. 1976 wird ihm die Ehrenbürgerwürde der Universität Mainz verliehen. Bei S. Fischer erscheint eine zehnbändige Taschenbuchausgabe seiner Gesammelten Werke und eine umfangreiche Festschrift der Freunde aus Anlaß seines 80. Geburtstags.

 

1977

Carl Zuckmayer stirbt nach kurzer Krankheit am 18. Januar in Visp/Wallis und wird am 22. Januar in Saas-Fee beigesetzt.

 

1991

Alice Herdan-Zuckmayer stirbt am 11. März in Visp/Wallis. 

 

Zusammengestellt von Dr. Susanne Buchinger unter Zuhilfenahme folgender Literatur: 

Carl Zuckmayer: Als wär's ein Stück von mir. Horen der Freundschaft. Frankfurt/Main: S. Fischer 1966, Carl Zuckmayer in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Thomas Ayck. Rowohlt Taschenbuch Verlag 1977 (rowohlts monographien Nr. 256 und vor allem dem umfang- und materialreichen Ausstellungskatalog: Carl Zuckmayer. 1896-1977. »Ich wollte nur Theater machen«. In Verbindung mit der Stadt Mainz und dem Land Rheinland-Pfalz. Ausstellung und Katalog: Gunther Nickel und Ulrike Weiß. Marbach/Neckar: Deutsche Schillergesellschaft 1996.

Herrn Prof. Dr. Gunther Nickel sei an dieser Stelle für die kritische Durchsicht des Textes herzlich gedankt.